Transformationsdruck

Text: Leo Staub

Kanzleimanagement: Disruption und Digitalisierung.

Leo Staub ist Rechtsanwalt, Professor für Wirtschaftsrecht sowie leitender Direktor des Bereichs Law & Management an der ES-HSG der Universität St. Gallen.

Kaum ein Tag geht vorbei, an dem in der Tagespresse, aber auch in Fachjournalen nicht mehr oder weniger aufgeregt über den Einfluss neuer Technologien auf das Anwaltsgeschäft diskutiert wird. Der Chor der Experten klingt dabei durchaus vielstimmig. Während die einen den Untergang der traditionellen Anwaltskanzlei beschwören, beschwichtigen andere, dass es schon nicht so schlimm kommen werde und bewährte anwaltliche Tugenden den technologischen Sturmwinden letzten Endes Paroli bieten würden.

Was ist Sache? Anwaltskanzleien haben in den letzten 25 Jahren Ihre IT tüchtig aufgerüstet. Systeme zur Unterstützung der Kanzlei-Administration, interne Vorlagen-Sammlungen, der Zugang zu externen juristischen Datenbanken, eine gut ausgebaute Website und die Kommunikation via E-Mail mit Mandanten, Gegenparteien, Gerichten und Behörden sind heute Standar

Man sieht auch immer häufiger Kanzleien, die für ihre Dienstleistungen via Soziale Medien
wie Facebook, LinkedIn oder Twitter Werbung betreiben. All diesen Systemen und Plattformen ist gemein, dass sie den anwaltlichen Arbeitsprozess, wie wir ihn kennen, unterstützen. Der Leistungserstellungsprozess in der Kanzlei wird schneller, zuverlässiger und effizienter. Revolutionär ist das nicht! Es gibt nun aber tatsächlich technologische Neuerungen, die aufhorchen lassen.

IBM arbeitet etwa daran, eine juristische Datenbank aufzubauen, bei der es nicht dabei bleibt, dass Anwälte hierarchisch oder über Stichwort-Suche Präjudizien, Kommentar- und Literaturstellen oder eigene Muster und Vorlagen auffinden können. Das System ist in der Lage, einen anwaltlichen Schriftsatz auf seine juristische Relevanz hin zu untersuchen, juristische Problemstellungen zu erkennen, Vorschläge zur Bearbeitung des Schriftsatzes zu unterbreiten und aus den zu Papier gebrachten Überlegungen des Anwaltes für einen nächsten Fall zu lernen. Es verknüpft bekanntes Wissen mit fallspezifischen Fakten und Rechtsfragen und wird dabei klüger.

Intelligente Erarbeitung von Vertragsentwürfen

Umschrieben werden die Eigenschaften dieser neuen Systeme mit Begriffen wie Artificial Intelligence, Machine Learning und Big Data Analysis. Die entsprechenden Funktionen gehen weit über die vertraute elektronische Unterstützung der Kanzlei-Administration hinaus. Sie übernehmen Teile der anwaltlichen Arbeit, von denen wir bisher selbstverständlich davon ausgingen, dass sie nur der geschulte Kopf leisten kann.

Anwendungen dieser Systeme sind auch etwa die „intelligente“ Erarbeitung von Vertragsentwürfen (Document Assembly), die Unterstützung und Auswertung umfangreicher Dokument-Recherchen zur Unterstützung von Due Diligence-Prozessen, das aktive Management von Verträgen oder ein computergesteuertes Mandanten-Briefing, das direkt Beratungsergebnisse produziert.

Unterstützt werden also nicht nur Arbeitsabläufe des Anwalts. Die neuen technologischen Möglichkeiten ersetzen vielmehr menschliche Beratungsleistungen und haben das Potenzial, gewisse anwaltliche Arbeiten zu substituieren.

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Der Autor ist Rechtsanwalt, Professor für Wirtschaftsrecht sowie leitender Direktor des Bereichs Law & Management an der ES-HSG der Universität St. Gallen. Leo Staub lehrt zudem an der Universität Zürich im LL.M Programm und an der University of Miami School of Law.