„Dieser Fall erforderte ein hohes Maß an Verantwortung“

Dr. Martin Prager. Bild: © PLUTA
Dr. Martin Prager. Bild: © PLUTA

10 Jahre hat es gedauert, nun ist das Insolvenzverfahren des taiwanesischen Handy-Herstellers Ben Q beendet. Die Gläubiger sollen nun einen großen Teil ihrer Forderungen zurückbekommen. Abgewickelt wurde das Verfahren von Dr. Martin Prager der Sanierungs- und Restrukturierungsgesellschaft PLUTA. Mehr Details über das Verfahren und die Risiken im Interview.

Ein zehnjähriges Insolvenzverfahren ist nun zum Ende gekommen. Was unterscheidet solch langfristige Verfahren von eben diesen, die einen „normalen“ Werdegang haben?
DR. MARTIN PRAGER: Eine Dauer von zehn Jahren für ein Insolvenzverfahren in dieser Größenordnung ist eher kurz. Es handelte sich um ein sehr komplexes Verfahren mit vielen Beteiligten. Zu Spitzenzeiten waren bis zu 50 PLUTA-Mitarbeiter an verschiedenen Standorten beschäftigt. Es mussten beispielsweise unzählige Verträge einzeln bearbeitet und auch beendet werden. Das beinhaltete auch ein gewisses Konfliktpotenzial und erforderte ein hohes Maß an Verantwortung jedes einzelnen Mitarbeiters. Mit Siemens und BenQ Taiwan waren auch große weltweit agierende Konzerne am Prozess beteiligt. Auch spielte das Verfahren fast auf der ganzen Welt, von Asien über Lateinamerika bis natürlich Europa. Ein wichtiger Markt war Russland, in dem wir noch viele der von uns während des Verfahrens produzierten Handys absetzen konnten. Insgesamt ein sehr aufwendiges Verfahren, das nun mit einem außerordentlich guten Ergebnis doch recht schnell beendet werden kann.

Sie konnten eine Insolvenzquote von rund 98 Prozent erzielen. Das ist ein gutes Ergebnis, oder?
Ja, das ist ein sehr gutes Ergebnis. Im Normalfall liegen die Quoten eher in einem Bereich von 3 Prozent bis 5 Prozent.

War dieser Fall ein besonderer für sie?
Dieses Insolvenzverfahren war sehr komplex. Es waren viele Beteiligte involviert. Mehr als 3.000 Mitarbeiter waren beschäftigt. Außerdem bestand durchgehend sehr großes Interesse der Öffentlichkeit am Verfahren und unserer Arbeit. Besonders erfreulich für uns: Bereits zwei Jahre nach der Insolvenzeröffnung konnten wir eine erste Ausschüttung vornehmen, Mitte 2011 erfolgte die zweite Abschlagsverteilung. Damit haben die Gläubiger schnell einen Teil ihrer Forderungen zurückbekommen. Ebenso schön ist nun die hohe Quote für die Gläubiger.

Als erfahrener Insolvenzverwalter, gibt es Regeln, die ein solches Insolvenzverfahren bestimmen sollten?
Die Insolvenzordnung gibt uns einen Rahmen für unsere Arbeit vor. Auch auf europäischer Ebene ist mit der Europäischen Insolvenzordnung ein guter Grundstein für unsere Tätigkeiten gelegt. Das anwendbare Recht ist geregelt. Dennoch muss dieser Rahmen mit einem gewissen Augenmaß und gewissen eigenen Standards ausgefüllt werden. Nur dann können Verfahren in dieser Größenordnung erfolgreich für alle Beteiligten ablaufen.

Gibt es Risiken, die gerade jetzt vermehrt zu Insolvenzen führen oder diese beschleunigen?
Im Gegenteil. Das niedrige Zinsniveau hält momentan viele Unternehmen auf dem Markt. Einige Betriebe bleiben aktuell auch dann auf dem Markt, wenn sie keinen realen volkswirtschaftlichen Beitrag leisten. Doch auch der Marktaustritt von Unternehmen gehört zu den natürlichen Marktmechanismen. Momentan kommt dieser Mechanismus aber nur sehr selten zum Einsatz.

Dr. Martin Prager ist einer der Geschäftsführer der PLUTA Rechtsanwalts GmbH sowie Leiter der Münchner Niederlassung. Seit 1998 ist er als Insolvenzverwalter tätig und seine vielfältigen Erfahrungen auf den Gebieten der Insolvenzverwaltung, Unternehmensrestrukturierungen und Distressed M & A zählen zu den Tätigkeitsschwerpunkten seiner Arbeit an den Münchner Kammern. Herr Dr. Prager hat zahlreiche Insolvenzen abgewickelt, unter anderem BenQ Mobile GmbH & Co. OHG, Maerz Muenchen AG, Fairchild Dornier, Weinfurtner Gruppe u. a.

Interview: Anne Steinbach