Personal mit Profil

Text: Vera Hermes

Recruiting im Wandel: Unternehmen erwarten andere Fähigkeiten, Bewerber entscheiden nach anderen Kriterien. Wer gewinnt wie gute Talente?

Head Profiles Idea Symbols_04
Unternehmen müssen clevere Köpfe heute frühzeitig finden und verpflichten. Modernes Recruiting bedarf einer intelligenten Systematik und einer schlauen Suche über viele Kanäle. 

Die Schweizer Bühler Group ist einer dieser Hidden Champions, die kaum jemand kennt, der nicht in ihrer Branche arbeitet. Das 1860 gegründete Familienunternehmen mit rund 10.800 Mitarbeitern in 140 Ländern gab sich vor kurzem ein neues Gesicht: Es positioniert sich nicht länger als kühler Technologie- und Produktanbieter, sondern als nahbare, emotionale Firma, die mit ihren Lösungen rund um die Lebensmittelproduktion Nutzen stiftet. Dabei geht es keinesfalls nur um die Wirkung auf Kunden: „Ein entscheidender Erfolgsfaktor ist für uns und andere in den nächsten Jahren, dass wir die richtigen Menschen für uns gewinnen können. Wir stehen im Wettbewerb mit Siemens, General Electric, BMW, ABB“, erklärt Burkhard Böndel als Head of Corporate Communications für die Markenführung der Bühler Group verantwortlich. „Ingenieure können sich ihren Arbeitgeber aussuchen. Wir sind eine Option. Um Menschen zu gewinnen, die wir brauchen, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein – und das sind Menschen jedes Alters, jeder Funktion und aus allen Regionen –, müssen wir vermitteln, dass wir etwas Sinnvolles tun. Sinn ist ein starkes Argument.”

Starke Argumente brauchen Arbeitgeber heute, um die besten Mitarbeiter zu überzeugen. Unternehmen haben es mit einem Bewerbermarkt zu tun – zwar sicher nicht in allen Branchen, nicht in allen Regionen und nicht in allen Positionen, aber doch in vielen Teilen der Wirtschaft. Das liegt zuallererst an der in weiten Teilen florierenden Konjunktur. In Großräumen rund um Frankfurt, Hamburg, Stuttgart oder München gibt es praktisch keine Arbeitslosigkeit, sagen Experten. Die Lage wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch so bleiben – trotz Risikofaktoren wie den Brexit-Folgen rechnet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB in Nürnberg auch 2017 mit sinkender Arbeitslosigkeit.

Befeuert wird diese Entwicklung durch den demografischen Wandel, wegen dem immer weniger junge Leute auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Ganz schwierig wird es für Firmen, die keine Akademiker suchen, denn der Nachwuchs neigt zu immer höheren Bildungsabschlüssen. Grund hierfür sei der Strukturwandel am Arbeitsmarkt hin zu einer Wissens- und Informationsgesellschaft: Auf der einen Seite würden mehr höher qualifizierte Berufstätige benötigt, während auf der anderen Seite der Bedarf an Geringqualifizierten zurückgehe, heißt es auf der staatlich betriebenen Website studienwahl.de. Tatsächlich ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Akademiker in den vergangenen zehn Jahren um etwa die Hälfte auf 4,8 Millionen Personen im Jahr 2015 angestiegen. Der Trend zur Höherqualifizierung wird sich nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit auch in den nächsten Jahren fortsetzen.

Diese Entwicklung zeigt sich an der steigenden Zahl der einschlägigen Einrichtungen: Aktuell bieten hierzulande 444 Universitäten, Hochschulen und Berufsakademien sage und schreibe 17.305 Studiengänge für Erststudierende an. Da fehlt mitunter nicht nur den Studienwilligen, sondern auch den Personalverantwortlichen der Durchblick. Das wiederum machen sich findige Dienstleister zunutze: Sie bieten Unternehmen an zu prüfen, ob es die von ihnen gesuchten Berufsbezeichnungen und Positionen eigentlich überhaupt noch gibt und oder ob es für das gewünschte Profil nicht längst einen neuen oder anderen Begriff gibt.

Neben der Akademisierung verschärfen die Lage auch „Passungsprobleme”. So nennt der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung in Bonn (BIBB), Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, die Kluft zwischen dem Ausbildungsplatzangebot und der Nachfrage seitens der Jugendlichen. Die Zahl der unbesetzten Stellen steigt, während sich die Zahl der noch suchenden Bewerber kaum verändert. Im aktuellen BIBB-Datenreport ist die Rede von „weiter wachsenden Schwierigkeiten, die Ausbildungsangebote der Betriebe und die Ausbildungswünsche der Jugendlichen in Einklang zu bringen”. Insgesamt blieben im Jahr 2015 bundesweit 41.000 Ausbildungsstellen unbesetzt. Das ist der höchste Wert seit 1995. Demografische Entwicklung, Akademisierung, Passungsprobleme – das sind äußere Faktoren, die die Personalrekrutierung immer anspruchsvoller machen. Hinzu kommt, dass sich auch unternehmensintern Strukturen und Arbeit ändern. So ist die Handelsbranche kräftig im Umbruch. Die rasante Entwicklung des E-Commerce erfordert von Mitarbeitern neue Fähigkeiten und Eigenschaften, die vor zehn bis 15 Jahren noch nicht absehbar waren.

Das 109 Jahre alte Traditionsunternehmen Witt Weiden hat sich vom klassischen Versender zum Online-Händler gewandelt. „Es sind neue Berufsbilder entstanden und auch die Anforderungen an die Menschen, die wir suchen, haben sich geändert”, sagt Susan Risse, die das Personalmarketing und Recruiting der Witt-Gruppe verantwortet und am Ende dieses Jahres in 2016 rund 130 Stellen neu besetzt haben wird. Die Mitarbeiter müssten heute einen höheren Grad an Flexibilität und eine höhere Leidenschaft für ihre Arbeit mitbringen, denn die sei mit nie gekannten Unsicherheiten behaftet: Niemand weiß, wie der Online-Handel in fünf Jahren aussieht, wie sich die Tätigkeit und Aufgaben entwickeln werden. Das muss ein Bewerber wollen. „Wir können selbst noch nicht sagen, was auf uns zukommt”, räumt Susan Risse ein.

(…)

Foto: Sergey7