Goldwert oder Schrottwert

Text: Armin Hingst

Maschinen und Anlagen sind das Kapital eines Unternehmens. Deshalb sollten Unternehmer genau hinsehen, wenn man ihre Produktionsmittel taxiert – etwa in Krisen.

Carl von der Goltz

Auch den Wert von Pressmaschinen hebt seit einigen Jahren, dass in manchen Kreisen die gute alte Vinyl-Schallplatte eine Renaissance feiert. Da so gut wie keine neuen Maschinen mehr gebaut würden, erzielten selbst alte Schätzchen Rekordpreise. „Bis zu 70,75 Prozent
ihres Neuwerts sind da schon drin“, erläutert Karl-Erhard Kramme: „Denn die Schallplattenproduzenten kommen kaum nach mit der Herstellung und suchen händeringend nach Produktionsmitteln.“

Der Diplom-Ingenieur ist Spezialist für die Bewertung von industriellen Maschinen und Anlagen. Vor wenigen Wochen erst war er Mitglied einer Anhörungsgruppe für die Reformierung des Sachverständigenrechts, dessen Gesetzentwurf Ende September
vorgelegt wurde. Dabei geht es um die Sicherstellung von Qualitätskriterien, es gibt verbindliche Fristregelungen und Beteiligungsrechte bei der Auswahl von Gutachtern, die vor Gericht hinzugezogen werden.

Nach Neutralität und Gerichtsauftrag

„Ich denke aber, dass die Sachverständigen ihre Arbeit in der Regel ordentlich machen“, sagt Kramme. Eine Arbeit, die keineswegs einfach ist. Denn allein fachliches Know-how sei noch keine ausreichende Qualifikation. „Zu einer guten Sachverständigentätigkeit gehört mehr: Wie baue ich ein Gutachten auf, wie wahre ich meine Neutralität, wie gehe ich mit dem Gerichtsauftrag um?“ Oder eben mit dem Auftrag einer Versicherung, eines Insolvenzverwalters oder der Geschäftsführung, wenn die Produktionsmittel von Unternehmen bewertet werden müssen. Etwa wenn es um den Vertrag bei einem Sale-and-Lease-Back-Geschäft geht, mit dem ein Unternehmen seine Maschinen in Liquidität verwandeln kann, ohne die Kreditlinie bei der Hausbank zu belasten.

„Bonität spielt für uns nur insofern eine Rolle, als wir prüfen, ob das Unternehmen insolvenzantragspflichtig ist. Uns interessiert dann ausschließlich der Wert des Assets, also des Maschinenparks“, sagt Carl von der Goltz. Er ist Geschäftsführer der Leasinggesellschaft „Maturus Finance“, die sich auf den produzierenden Mittelstand spezialisiert hat.

Natürlich sei das fürs Unternehmen insgesamt teurer als ein klassisches Kreditgeschäft, aber dafür erhalte man eine banken- und bonitätsunabhängige Finanzierung – ohne
jegliche „Covenants“, also Kreditnebenvereinbarungen. Ein Sale-and-Lease-Back-Vertrag lasse sich in der Regel auch viel schneller umsetzen als ein Kredit. Vier bis sechs Wochen dauere es im Schnitt, bis das Geld fließt. Dazwischen liegt die Bewertung. „Über einen detaillierten Anlagespiegel können wir nur eine erste Einschätzung abgeben. Wir gleichen das dann mit den Eindrücken unseres Besuchs vor Ort ab, um ein validiertes Angebot abgeben zu können,“ so von der Goltz: „Wird unser Angebot angenommen, beauftragt der künftige Leasingnehmer das Gutachten bei einem anerkannten Industrie-Sachverständigen. Denn wir wollen hier eine gewisse Objektivität und Neutralität wahren.“ Gut möglich, dass der Wert dabei weitaus höher ausfällt als vom Unternehmer erwartet.

(…)