„Deutschland investiert zu wenig in Mobilität“

Text: Gregor Hallmann

Fließender Verkehr fördert auch Wirtschaftserfolge. Über das Bewegende der Zukunft spricht Mobilitätsmanager Steffen Lehmann im Interview.

Steffen Lehmann
Als Geschäftsführer des Mitteldeutschen Verkehrsverbundes (MDV) koordiniert Steffen Lehmann das moderne Mobilitätsangebot des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) rund um Leipzig und Halle. Sein Verbund hat einen zukunftsweisenden Strategieprozess angestoßen und will die politische Diskussion darüber mitgestalten, wie Nahverkehr mittelfristig finanziert werden soll. Vor dem MDV war der Manager bei der Deutschen Bahn in Dresden.

Herr Lehmann, wie wichtig ist der ÖPNV für die Wirtschaftsentwicklung einer Region?

Steffen Lehmann: Menschen müssen sich wohlfühlen in ihrer Region, egal ob im ländlichen Raum oder in Städten. Das ist entscheidend für den Erfolg der Wirtschaft, denn ohne öffentliche Mobilität fühlen Menschen sich abgekoppelt. Sie könnten abwandern, und wir haben schon heute einen großen Fachkräftemangel. Auch die Alterung spielt eine Rolle. Wenn Senioren durch Verkehrsangebote lange selbstständig mobil bleiben, müssen sich die Jüngeren weniger in der Betreuung engagieren, sie stehen dann dem „produzierenden“ Arbeitsmarkt zur Verfügung. Ähnlich bei Familien: Viele Eltern können heute nur halbtags arbeiten, weil sie Kinder von der Schule abholen oder zu Freizeitbeschäftigungen fahren müssen. Ist der Nachwuchs selber mobil, können die Eltern länger arbeiten. Mobilität hilft, die Verfügbarkeit von Arbeitskräften zu erhöhen. Außerdem sind Betriebe mit einem funktionierenden ÖPNV leichter für Beschäftigte zu erreichen, die kein eigenes Auto haben – und für ihre Kunden.

Was erwartet Sie von der Verkehrspolitik?

Die Bevölkerung im ländlichen Raum schrumpft, deshalb macht es keinen Sinn, dort weitere Straßen zu bauen. Bund, Länder und Gemeinden werden genug damit zu tun haben, die vorhandenen Straßen zu erhalten. Stattdessen wünsche ich mir bundesweit mehr Investitionsbereitschaft in Schienenwege und den Nahverkehr. Und die Offenheit, auch finanziell die Vernetzung mit neuen Mobilitätsformen zu unterstützen. Nur zwei Prozent aller öffentlichen Ausgaben in Deutschland werden für Mobilität und Verkehr aufgewendet, das ist für ein hoch industrialisiertes Land zu wenig. Man muss auch überlegen, ob Verkehrsinvestitionen mit den Klimazielen vereinbar sind, die in Paris beschlossen wurden. Das dürfte eher für den öffentlichen Nahverkehr und für Schienenwege gelten als für Straßen.

Hat Mitteldeutschland genug attraktive Verkehrsinfrastruktur?

Seit der Wende ist der Flughafen Halle/Leipzig massiv ausgebaut worden, ebenso der Autobahnring. In Leipzig wurde ein neues S-Bahn System installiert, dort und in Halle wurde außerdem viel Geld in das Nahverkehrssystem investiert. In den ländlichen Regionen wurden die Busflotten komplett modernisiert. Das sind schon große Verbesserungen.

Trotzdem haben Sie einen Blick in die Zukunft gewagt?

Zehn Jahre nach dem Start des MDV haben die Gesellschafter beschlossen, dass der Verbund nicht nur auf Sicht von zwei oder drei Jahren arbeiten, sondern eine Strategie bis 2025 festlegen soll. Wir haben dann einen mehrstufigen Strategieprozess gestartet und zunächst diverse Szenarien durchgespielt, wie die Mobilität sich entwickeln könnte. Am wahrscheinlichsten erschien uns ein Zukunftsbild, das etwa so aussieht: Bei positiver Wirtschaftsentwicklung und Wohlstandszuwachs gibt es einen Zuzug in den Städten und eine Zentralisierung in den Landkreisen, aber insgesamt eine schrumpfende Bevölkerung. Die Gesellschaft stellt hohe Ansprüche an die Mobilitätsverfügbarkeit, ist aber auch zu nachhaltigerem Handeln bereit. Der ÖPNV wird in diesem Szenario politisch unterstützt und kann offensiv agieren.

Welche Schlüsse hat ihr Verkehrsverbund daraus gezogen?

Wir folgern daraus, dass wir unser Verkehrsangebot mindestens auf dem heutigen Niveau halten und es bedarfsgerecht um- und ausbauen wollen. Dazu müssen wir verschiedene Themen umsetzen, etwa die Finanzierung des ÖPNV zukunftsfähig machen. Außerdem wollen wir ländliche Räume deutlich besser erschließen und den Systemzugang vereinfachen. Auch das Thema Digitalisierung treibt uns um. Wie können wir Informationen zur Verkehrssituation zeitnah vermitteln und neue Vertriebswege gehen? Eine wichtige Rolle spielt auch die Vernetzung mit anderen Mobilitätsangeboten.

Wie verbessern Sie das Angebot im ländlichen Raum?

Wir wollen neue Fahrgäste gewinnen, indem wir nicht mehr nur Schüler zur Schule befördern. Sondern auch Senioren ein Mobilitätsangebot schaffen, Berufspendler besser zur Bahn bringen und Einkaufswillige in die Mittelzentren befördern. Kurzum: Alle Wege des täglichen Bedarfs sollen künftig deutlich öfter mit öffentlichem Personennahverkehr oder der Bahn zurückgelegt werden. In einem unserer Landkreise wollen wir einen ersten Schritt bereits ab Ende dieses Jahres realisieren, mit einem System aus Stadt-, Regio- und Plusbussen, die als Zubringer zum Bahnverkehr dienen, bei einem gleichzeitig massiven Ausbau der Haltestellendichte. Die Busse werden an zentralen Punkten verknüpft und bieten einen regelmäßigen Taktverkehr, auch abends und an den Wochenenden.

Und wie erleichtert man den Systemzugang im Nahverkehr?

Indem er einfacher, emotionaler und begreifbarer gestaltet wird. Jeder kennt das doch, man kommt in eine fremde Stadt, steht vor dem Ticketautomaten und hat Herzklopfen. Das wollen wir ändern und die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs einfacher und selbsterklärender gestalten, vergleichbar mit Lösungen aus der digitalen Welt.

Sind Sie bei der Vernetzung verschiedener Verkehrsträger vorangekommen?

Die Leipziger Verkehrsbetriebe, eines der größten Unternehmen in unserem Verbund, testen das gerade. Sie haben eine App entwickelt, in der Bus, Bahn, Straßenbahn, Mietfahrräder und Carsharing-Angebote sowie Taxiservice verknüpft sind und sogar einheitlich abgerechnet werden können. Ich bin sicher, diese App weiterentwickeln zu können für den Gesamtverbund. Der Trend zum multimodalen Nahverkehr ist eindeutig. Und irgendwann werden wir nicht nur Bus, Bahn, Tram, Auto und Fahrrad vernetzen, sondern auch autonome Elektrofahrzeuge.

Solche E-Mobile sollen Studien zufolge künftig die Zubringerfunktionen im ländlichen Raum übernehmen, dafür wird ein Rückzug der Schiene vorausgesagt. Glauben Sie das?

Selbstfahrende Kleinbusse sind eine große Chance für Zubringerfunktionen und mehr Mobilität in dünn besiedelten Räumen – oder bei der Feinerschließung von größeren Städten, die letzten Meter auf dem Weg zur Haltestelle. Wir würden uns freuen, wenn das kommt, denn es stärkt auch die Eisenbahnen in der Region.

Wie steht es um die Finanzierung des ÖPNV?

(…)

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