„Roboter als Schnittstelle der realen und der IT-Welt“

Über die Verhandlungen zwischen Fujitsu und Lenovo, die eigene Transformation vom reinen Hardwarehersteller zum ganzheitlichen IT-Lösungsanbieter und über Zukunftsvisionen in der Anwendung von Firmenkunden spricht Dr. Rolf Werner, Zentraleuropa-Chef beim japanischen Technologiekonzern, im Interview.

Fujitsu-Europachef Dr. Rolf Werner

Herr Dr. Werner, soeben berichten Medien wieder verstärkt, dass Lenovo aus China die Fujitsu-Computersparte übernimmt. Was bedeutet das für Sie?
Rolf Werner: Die Verhandlungen über eine strategische Zusammenarbeit im PC-Geschäft begannen ja schon im vergangenen Oktober und laufen noch. Solche Gespräche zwischen globalen Größen gehören zum alltäglichen Geschäft und dienen doch der Suche nach Synergieeffekten. Dies alles ist aber weit weg von meinem Verantwortungsbereich, so dass ich Zwischenstände auch gar nicht kommentieren möchte. Doch wenn am Ende die Vereinbarung steht, werden wir weiterhin ein gutes Endgeräte-Portfolio unter der Marke Fujitsu anbieten.

Stimmen die Zahlen, denen zufolge deshalb auch 500 der 5.000 Stellen hierzulande wegfallen sollen?
Dieser Wandel hat nichts mit unserer Computersparte zu tun, sondern gehört zu unserem ganz eigenen Transformationsumbau. Die genannte Stellenzahl wird bis zum Jahr 2019 sozialverträglich erreicht sein, aber wir bauen im gleichen Zeitraum eine ähnlich hohe Zahl an Jobs in anderen Bereichen neu auf. Es geht also nicht um Kostensenkungen, sondern um Verlagerungen von Kompetenzen in Bereiche wie für die Industrie 4.0.

Bei Ihrem Amtsantritt im Januar 2016 betonten Sie, Fujitsu sei „prädestiniert dafür, Kunden zu unterstützen“ bei ihrer digitalen Transformation. Warum?
Weil vielen oft nicht bekannt ist, dass Fujitsu schon lange das gesamte Spektrum dafür abdeckt. Unser Portfolio reicht von der Hardware bis Services, digitalen Lösungen bis Cloud-Leistungen in unseren Rechenzentren bis zu zuverlässigen Vorhersagen mit geeigneten Algorithmen aus großen Datenmengen. Wir gehören zwar zu einem japanischen Technologiekonzern, aber vor Ort steht Fujitsu eher für mittelständische Strukturen und flachen Hierarchien, so dass wir auf Augenhöhe mit Firmenkunden in den Dialog treten.

Dient Ihre von T-Systems mitgebrachte Erfahrung auch dazu, den einst starken Hardwarehersteller Fujitsu zum ganzheitlichen IT-Lösungsanbieter umzubauen?
Ja, ganz klar! Ich bin der erste Fujitsu-Chef mit einem Service-Hintergrund. Bei T-Systems war es eher das Geschäft mit TK-Diensten, bei Fujitsu entwickeln wir unsere guten Hardware-Produkte weiter in ergänzten Kombinationslösungen mit IT-Diensten wie Cloud und Künstlicher Intelligenz. Im Service-Bereich erzielen wir im Umsatz schon ein zweistelliges Wachstum. Kurzum: Hinter meiner Verpflichtung steht sicher diese Idee.

Als Head of Central Europe verantworten Sie mit der D-A-CH-Region einen der wichtigsten Märkte. Dreht sich das Firmenkunden-Geschäft schon spürbar weg von ITK-Technik aus Blech, Kupfer, Kunststoff hin zu mehr virtuellen Diensten?
Doch, das Geschäft dreht sich, aber ohne dass uns Geschäft bei der Hardware wegbricht. Dafür ist das Gesamtwachstum der Datenvolumina zu groß. Es gibt immer noch Kunden etwa in der Autozulieferindustrie, die noch Mainframes unserer BS-Serie für ihre Großrechner ordern. Wenn auch weniger Server gefragt sind, so werden die gefragten Modelle immer größer. Neuen Zuwachs über Services erhalten wie zuletzt für Fujitsu Integrated Systems namens „Primeflex“ über OpenStack für Unternehmen, die ihre On-Premise-Systeme in die Cloud verlagern. Diese Dienste sind seit April aus unseren deutschen Rechenzentren global verfügbar, was von exportorientierten Mittelständlern sehr gut angenommen wird.

Die Zukunft gehört für Fujitsu offenbar Robotern, die selbstlernend mit Menschen interagieren. Beschreiben Sie bitte am Beispiel des Projektes mit Kuka wie das funktioniert.
Bei dem Projekt unterstützt der sensitive Leichtbau-Roboter „LBR iiwa“ von Kuka unsere Fertigung der Mainboards. Unser Ziel ist, den Roboter als Produktionsassistenten im Umgang mit sehr sensiblen Elektronikbauteilen einzusetzen und daraus Produktionskonzepte für die Zukunft zu entwickeln. Ein weiteres Ziel ist, Cloud-Dienste einzubinden sowie Konzepte des Internets der Dinge wie „Smart Analytics“ und „Predictive Maintenance“. Ein wesentliches Schlüsselelement ist dabei ein Roboter, der in der Lage ist mit Menschen im Team zusammenzuarbeiten. Quasi als Schnittstelle zwischen der realen und der IT-Welt. Wir fahren den Probebetrieb noch im realitätsnahen Testaufbau des Labors im Technologiezentrum Augsburg, der Start des Testbetriebs in der Serienfertigung der Mainboards im Augsburger Fujitsu-Werk ist ab Herbst dieses Jahres geplant.

Interessant, gibt es weitere Beispiele dieser Zukunftsvisionen?
Einige! Fujitsu hat mit dem „Robopin“ einen kleinen, stationären Roboter entwickelt, der etwa Gäste gezielt durch Ausstellungen oder Messen führen kann. Er interpretiert dazu Beacons, die Besucher beispielsweise auf ihrem Namensschild mit sich tragen, und weist den Weg zur nächsten Station.
In Echtzeit verwandelt unser neues Tool „Live Talk“ blitzschnell Sprache in Text und hilft damit Menschen mit Handicap, etwa für Gehörlose, in der Kommunikation mit anderen Barrieren zu überwinden. Zusätzlich kann das Instrument simultan in 19 Sprachen übersetzen, so dass es unabhängig vom Hörvermögen oder Sprachkenntnissen zu nutzen ist.
Speziell für Menschen mit sehr geringer Sehkraft hat Fujitsu die „Retinal Imaging Laser Eyewear“ entwickelt, deren Brillengläser mit einem Mini-Projektor ausgestattet sind, der mittels Laser die Bilder der eingebauten Kamera direkt auf die Netzhaut projiziert.
Und unser Big-Data-Tool Primeflex unterstützt das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg bei Untersuchungen durch die Analyse von Tumor-Erbgut von Patienten in hoher Geschwindigkeit.

Danke, das reicht vorerst. Die Beispiele zeigen, dass Fujitsu vor allem neue Chancen in smarten Fertigungsstätten, im Gesundheitssektor, aber auch in der Finanzbranche sieht. Welche Anwendungen dort?
Alle Prozesse betreffend, für die wir Lösungen in den Fujitsu Laboratories of Europe aus unserer Initiative rund um Künstliche Intelligenz (KI) gewonnen haben. Die wachsende Digitalisierung beschleunigt den Wandel der Finanzbranche per se. Nach einer von uns in Auftrag gegebenen Studie zum Umschwung im Finanzsektor würde mehr als ein Drittel der befragten Verbraucher in Europa ihre Bank oder ihre Versicherung wechseln, wenn sie für ihre Transaktionen keine moderne Technologie bieten. Das sagt einiges zum Veränderungsdruck.

Das ausführliche Interview mit Fujitsu-Europachef Dr. Rolf Werner vor allem über Transformation im Mittelstand lesen Sie in der aktuellen Ausgabe 02/17 von „return“.