Warum sich Chefs so oft falsch einschätzen

Chefs beurteilen sich selbst oft besser als sie sind. Wer Höhenflüge vermeiden will, muss Kritik zu schätzen wissen.

Laut einer Forsa-Umfrage halten sich 95 Prozent der Manager für eine gute Führungskraft. Demgegenüber steht laut dem Handelsblatt eine völlig andere Zahl: Das Meinungsforschungsinstituts Gallup hat in einer Umfrage herausgefunden, dass 85 Prozent der Beschäftigten im Job unzufrieden sind. Die Hauptursache für die Unzufriedenheit sei: ein schlechter Chef. Und damit nicht genug. Der Beratungs- und Weiterbildungsanbieter Comteam hat 556 Fach- und Führungskräfte befragt, wie empathisch sie sich selbst einschätzen. Auf einer Skala von eins bis fünf, wobei Letzteres „sehr hoch“ bedeutet, verliehen sich die Manager im Schnitt vier Punkte. Die Mitarbeiter hingegen bewerteten ihre Chefs viel schlechter, nämlich mit maximal 2,5 Punkten, berichtet die Wirtschaftswoche.

Woher die Selbstüberschätzung rührt? „Managern, die sich jeden Abend in den Schlaf weinen, gelingt der Aufstieg nicht“, sagt Rüdiger Hossiep, Wirtschaftspsychologe an der Universität Bochum, dem Handelsblatt. Daher sei es für eine erfolgreiche Karriere zunächst wichtig, über die entsprechende psychische Konstitution, also ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein zu verfügen. „Menschen, die sich stark überschätzen, kommen dadurch leichter in Führungspositionen“, erklärt auch der Wirtschaftspsychologe Uwe Kanning von der Hochschule Osnabrück. Bestärkt werde dieses Selbstbewusstsein dadurch, dass Mitarbeiter dazu neigen, Chefs ausschließlich mit positiven Informationen zu versorgen. Kritik zu äußern, trauten sich die meisten nicht. Das führe wiederum dazu, dass sich viele Chefs für unfehlbar und die Größten hielten.

Um derlei Höhenflüge bei Managern verhindern zu können, brauche ein Chef spezielle Kompetenzen, meinen die Experten. Dazu gehören: Selbstreflexion und die Fähigkeit, die Folgen des eigenen Führungsverhaltens zu hinterfragen. Kritik von Mitarbeitern dürfe zudem keinesfalls negativ sanktioniert werden. „Vielmehr gilt es, die Kritiker besonders zu pflegen“, rät Kanning. „Wenn man nur noch Gutes hört, gibt es nur zwei Erklärungen: Entweder hat man seinen Leuten die Kritik ausgetrieben oder man merkt nichts mehr.“

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