Wie sich kulturelle Vielfalt auf Unternehmen auswirkt

In welchen Fällen Diversität wirklich zum Unternehmenserfolg beiträgt, erklärt die IW-Ökonomin Andrea Hammermann.

Unternehmen wird gesagt, dass zu uns kommenden Flüchtlinge eine große Chance sind, um dem Fachkräftemangel entgegenzusteuern. Ist das ein realistisches Szenario?
ANDREA HAMMERMANN: Vorweg ist klarzustellen, dass es bei der Aufnahme von Flüchtlingen nicht primär um utilitaristische, sondern humanitäre Aspekte geht. Die Gruppe der Flüchtlinge aus den Hauptherkunftsländern Afghanistan, Eritrea, Irak und Syrien weist gegenüber anderen Migrationsgruppen hinsichtlich des Migrationsmotiv und der soziodemografischen Merkmale wie dem Bildungsstand deutliche Unterschiede zur Erwerbsmigration auf. Erwartungen einer schnellen Arbeitsmarktintegration und einer Beschäftigung der Mehrheit an Flüchtlingen auf Fachkraftniveau ist aufgrund oftmals fehlender Sprachkenntnisse, einem tendenziell niedrigeren Qualifikationsniveau oder fehlenden Informationen über vorhandene Qualifikationen und aufenthaltsrechtliche Hemmnissen daher nicht für die Mehrheit der Flüchtlinge zu erwarten. Grundsätzlich hat die Zuwanderung vor allem junger Menschen aus dem Ausland jedoch auf die demografische Struktur in Deutschland einen positiven verjüngenden Effekt. Wenn es gelingt, Flüchtlinge über Ausbildungsplätze frühzeitig in den Arbeitsmarkt zu integrieren und Sprachbarrieren möglichst schnell abzubauen, können Flüchtlinge langfristig durchaus zur Sicherung des Fachkräftepotenzial in Deutschland beitragen. Eine kurzfristige Entspannung von Fachkräfteengpässen durch die Gruppe der Flüchtlinge ist jedoch unwahrscheinlich.

Inwieweit wirkt sich kulturelle Diversität innerhalb einer Belegschaft wirklich positiv auf den betrieblichen Erfolg eines Unternehmens aus?
Die kulturelle Vielfalt in Belegschaften aktiv zu fördern, zielt in erster Linie darauf ab, die Wissensvielfalt in Teams zu stärken. Durch verschiedene Bildungshintergründe, Erfahrungen und Ansichten in international ausgerichteten Teams werden der kontroverse Austausch und die Erörterung neuer und innovativen Lösungsansätze gefördert. Empirische Untersuchungen zeigen jedoch, dass es keinen universell positiven Wirkungszusammenhang von kultureller Vielfalt zum Teamerfolg gibt. Es kommt vielmehr auf den Kontext an; so entfalten sich positive Effekte insbesondere in Arbeitsbeziehungen mit komplexen Aufgaben, die ein hohes Maß an Kreativität bedürfen.

Gibt es auch negative Effekte, die innerhalb eines international ausgerichteten Teams entstehen können?
Die Arbeit in interkulturellen Teams erfordert Offenheit und Verständnis für Personen, die möglicherweise andere Werte und Ansichten vertreten. Nur so kann das Team von der Wissensvielfalt profitieren. Ist dies nicht hinreichend gegeben, kann Vielfältigkeit zu Abgrenzung, Konflikten und Kommunikationsproblemen führen, die im Unternehmen adressiert werden müssen. Dies tuen Unternehmen beispielsweise in Form eines klaren Bekenntnisses zur Vielfalt in ihrer Unternehmenskultur, durch die Förderung gemischter Arbeitsteams, klare Kommunikationsrichtlinien oder durch Schulungen der interkulturellen Kompetenz ihrer Mitarbeiter.

In welchen Branchen ist die Diversität bisher am stärksten ausgeprägt und woran liegt das?
Ein vergleichsweise hoher Anteil an Beschäftigte mit Migrationshintergrund findet sich beispielsweise im Gastgewerbe und im Handel. Dort und auch in anderen Branchen sind Migranten auf einfachen Tätigkeiten überrepräsentiert, was darauf schließen lässt, dass es auch bei Migranten, die schon länger in Deutschland leben, noch größere Hürden für die Arbeitsmarktintegration in Form von Sprachbarrieren, fehlenden Qualifikationen oder der fehlenden Anerkennung von formalen Abschlüssen aus dem Ausland gibt.

Die Annahme liegt nahe, dass vor allem große und international ausgerichtete Unternehmen mehr ausländisches Personal beschäftigen – doch ist dem wirklich so?
Die Annahme, dass vor allem große und international ausgerichtete Unternehmen einen höheren Anteil an Beschäftigten mit Migrationshintergrund aufweist, wird von der Empirie gestützt. Exportierende Unternehmen oder solche mit ausländischen Standorten setzen vermutlich bewusst auf die interkulturellen und sprachlichen Fähigkeiten verschiedener ausländischer Beschäftigter, um auf ausländischen Märkten erfolgreich agieren zu können.

Dr. rer. pol. Andrea Hammermann ist seit 2013 Economist im Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln). Sie arbeitet im Kompetenzfeld „Arbeitsmarkt und Arbeitswelt“ mit dem Forschungsschwerpunkt im Bereich der betrieblichen Personalpolitik. Aktuelle Untersuchungen beschäftigen sich dabei insbesondere mit der Frage, wie ein erfolgreiches und zukunftsfähiges Personalmanagement in Zeiten des demografischen und digitalen Wandels aufzustellen ist. In diesem Kontext wurde auch der Zusammenhang der kulturellen Diversität auf den Unternehmenserfolg anhand des Linked-Employer-Employee-Datensatzes des IAB näher untersucht.