„Kliniken müssen effizienter werden“

Oliver Rong. Bild: © Roland Berger
Oliver Rong. Bild: © Roland Berger

Immer wieder müssen Kliniken Insolvenz anmelden. Wie es aktuell um die Branche bestellt, erklärt Experte Oliver Rong.

In den vergangenen Monaten und Jahren mussten immer wieder deutsche Kliniken Insolvenz anmelden. Wie ist es um die Branche bestellt?
OLIVER RONG: Auf den ersten Blick sieht die Lage noch positiv aus: Der Umsatz der Krankenhäuser steigt. So haben 96 Prozent der von uns befragten deutschen Kliniken im Jahr 2016 mehr umgesetzt als im Vorjahr. Vor allem Fachbereiche mit einem hohen Anteil an älteren Patienten, wie die Neurologie und die Kardiologie, bleiben Wachstumstreiber. Doch der wirtschaftliche Druck auf die Kliniken nimmt ebenfalls weiter zu. Sach-, Personal- und Infrastrukturkosten steigen überproportional zum Umsatz. So ist die Anzahl der Kliniken, die einen Überschuss vorweisen können, auf 59 Prozent gesunken – 2015 waren es noch 72 Prozent. Und auch für die kommenden Jahre erwartet die Mehrheit der befragten Krankenhausmanager eine weitere Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation.

Wie können die Häuser gegensteuern?
OLIVER RONG: Um profitabel zu wirtschaften, müssten die Kliniken ihre Effizienz verbessern und die richtigen Investitions-Akzente setzen – doch das gelingt ihnen nicht immer. Viele Krankenhäuser setzen immer noch auf klassische Maßnahmen und bemühen sich zum Beispiel, ihren Verbrauch von medizinischen Sachgütern zu optimieren und stationäre Erlöse zu steigern. Diese Maßnahmen reichen angesichts der heutigen Rahmenbedingungen bei der Krankenhausfinanzierung allerdings bei weitem nicht mehr aus, um die Ergebnisse langfristig zu verbessern. Vielmehr sollte das Management über eine strategische Neuausrichtung der gesamten Versorgungskette nachdenken.

Wie könnte so eine Umstrukturierung der Versorgung aussehen?
OLIVER RONG: Dazu zählt der Ausbau ambulanter Angebote. So arbeiten bereits 83 Prozent der Kliniken an Initiativen, um stationäre Leistungen in den ambulanten Sektor auszulagern. Dabei versuchen sie eigene ambulante Strukturen aufzubauen, wie medizinische Versorgungszentren (MVZ) oder ambulantes Operieren im Krankenhaus. Allerdings ist dieser Prozess nicht immer erfolgreich. Nicht immer entlasten die MVZ die stationären Krankenhausbereiche in dem gewünschten Ausmaß. Außerdem klagen die MVZ über einen erheblichen Fachkräftemangel und nicht zuletzt kann ein MVZ von den einweisenden Ärzten auch als Wettbewerber gesehen werden, so dass diese ihre Patienten in andere Kliniken steuern.

Und wie sieht es im Bereich der Digitalisierung aus?
OLIVER RONG: 90 Prozent der Einrichtungen geben an, inzwischen eine eigene Digitalstrategie zu haben, die dabei helfen soll, viele Prozesse schneller, effizienter und kostengünstiger zu gestalten. So konnte rund ein Drittel der Befragten dank digitaler Maßnahmen die Krankenhausergebnisse verbessern. Das zeigt, dass die Krankenhäuser im Digitalbereich heute zielgerichteter investieren. Sie nutzen ihre Erfahrungen aus den vergangenen Jahren, um genau in die Maßnahmen zu investieren, die die besten Ergebnisse mit sich bringen. Dennoch kommt die Digitalisierung der deutschen Kliniken nur schleppend voran. Mangelnde IT-Infrastrukturen und Fachpersonal führen nicht selten zu Sicherheitslücken. So gaben zwei Drittel der Befragten zu, schon einmal Opfer von Cyber-Angriffen gewesen zu sein. Das ist für die meisten Kliniken ein großes Dilemma: Denn für eine bessere und sichere IT-Infrastruktur benötigen Krankenhäuser weitere Investitionsmittel.

Haben Sie einen Rat, wie die Digitalisierung trotz dieses Dilemmas gelingen kann?
OLIVER RONG: Digitalisierung beginnt mit der Akzeptanz der Notwendigkeit. Die hierfür erforderliche Überzeugung muss von „ganz oben“ kommen. Digitalisierung darf zudem kein Inselthema sein, sondern ist integraler Bestandteil der Gesamtstrategie. Sie muss sich wie ein roter Faden durch das gesamte Unternehmen, seine Prozesse und Strukturen ziehen. Nur mit den richtigen Prioritäten bei Einzelthemen und einer professionellen Projektsteuerung lassen sich die zu erwartenden Effekte realisieren. Zu einer breiteren Strategie gehört auch die Möglichkeit, Kooperationen mit Start-ups im Digital Health-Bereich zu initiieren, um neue Lösungen für eine bessere Patientenversorgung zu entwickeln. Eine Chance, die aktuell nur ein Viertel der Kliniken nutzt. Insgesamt sind alle Maßnahmen, ihre Koordination und Umsetzung sehr komplex. Wichtig ist, dass die Führungskräfte und Mitarbeiter den eingeschlagenen Weg mittragen und die Komplexität Schritt für Schritt gemeinsam managen.

Oliver Rong ist Partner im Kompetenzzentrum Restructuring & Corporate Finance von Roland Berger und Leiter der Healthcare Practice in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Er verfügt über 20 Jahre Beratungs- und Führungserfahrung im Healthcaresektor und unterstützt die Akteure bei strategischen und operativen Themen mit starkem Fokus auf die Umsetzung.

Interview: Christin Otto