Gesundheitsbranche von allen Seiten unter Druck

Die Gesundheitsbranche kränkelt seit Jahren. Insbesondere die knapp 2.000 Krankenhäuser in Deutschland leiden. Jahr für Jahr stehen viele vor dem Aus. Höherer Kostendruck, immer mehr gesetzliche Vorgaben, Digitalisierung, Personalkrise – so lauten die zentralen Reizwörter. Ohne tiefgreifende Reformen lassen sich die Herausforderungen nicht meistern.

Jahr für Jahr geraten Krankenhäuser in die Krise. Die Branche braucht tief greifende Reformen. Bild: Hans Klaus Techt / APA / picture

Zu dieser Diagnose kommt das aktuelle Mutaree-Change-Barometer „Herausforderungen der Gesundheitsbranche 2017 – 2021“. Für diese Studie wurden in diesem Jahr 100 Teilnehmer aus der gesamten Gesundheitsbranche befragt – vom Chefarzt über Führungskräfte in Verwaltungen bis zum Pflegepersonal. Die Untersuchung wurde in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein durchgeführt. Danach ist für die Branche mittelfristig keine Besserung in Sicht.

Auch der Fachkräftemangel macht den Kliniken Sorgen

Die größten Herausforderungen der Branche lauten: Steigender Kostendruck (95 Prozent, Umgang mit steigenden regulatorischen und gesetzlichen Anforderungen (93 Prozent), Digitalisierung (89 Prozent) und steigende Anforderungen an die Bindung von Fachkräften (84 Prozent). Diese Probleme werden sich laut Studie bis 2021 verstärken.

Wichtigster Punkt bleibt die Kostensteigerung. 45 Prozent der Befragten gaben an, dass zwar erste Gegenmaßnahmen vorbereitet wurden, diese jedoch nicht abgeschlossen seien. 16 Prozent glauben, den notwendigen Veränderungen in nächster Zeit wahrscheinlich nicht gewachsen zu sein. Nur sechs Prozent der Befragten gehen davon aus, im Bereich Kosten gut vorgesorgt zu haben.

Akzeptanz digitaler Veränderungen gering

Auch die voranschreitende Digitalisierung bringt Bewegung in die Gesundheitsbranche. Von den Teilnehmern der Befragung erwarten 86 Prozent mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die digitale Patientenakte, 87 Prozent rechnen mit Telemedizin. Gleichzeitig fehlt es an Akzeptanz der digitalen Veränderungen. Besonders im Klinikbereich ist laut Studie die Unzufriedenheit mit den Systemen sehr hoch.

Jeder dritte Befragte ist der Meinung, dass die Gesundheitsbranche keineswegs auf die steigenden Anforderungen und die Bindung von Talenten vorbereitet ist. Und keiner der Befragten glaubt, man sei gut auf die steigenden Anforderungen der Patientenbedürfnisse vorbereitet.

Nur umfassende Veränderungen sichern das Überleben

„Kostenreduzierungsprogramme alleine stellen keine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung sicher. Umfassende Veränderungsfähigkeit wird zur Überlebensfrage. Die Zukunft wird zeigen, ob der Gesundheitssektor ausreichend Agilität und Change-Fitness besitzt. Noch immer dominieren in der Branche traditionelle Denkweisen und -muster. Nun aber ist es mehr als dringlich, die notwendigen Veränderungen anzugehen, um ein zukunftsfähiges Gesundheitswesen zu etablieren“, rät Claudia Schmidt, Geschäftsführerin der Mutaree GmbH.

Zahl der Krankenhäuser sank seit 2000 um 13 Prozent

Besonders auffällig: der Krankenhaus-Sektor. Die Zahl der Klinken in Deutschland sank nach Angaben des Statistischen Bundesamtes von 2000 bis 2016 von 2.242 auf 1.951 – ein Rückgang um 13 Prozent. Fast jede achte Klinik stellte ihren Betrieb in dieser Zeit ein. Die wirtschaftliche Lage deutscher Krankenhäuser hat sich dennoch nicht verbessert. Fast jedes zehnte Haus steht aktuell vor der Insolvenz, weitere 12 Prozent befinden sich im „gelben“, drei Viertel im „grünen Bereich“. Die Ertragslage der Kliniken bleibt praktisch unverändert. Auf Konzernebene schrieb jedes fünfte Haus einen Jahresverlust. Zwar waren im Jahre 2015 noch knapp zwei Drittel der Kliniken investitionsfähig. Doch die Kapitalausstattung ist noch immer unzureichend. Der jährliche Investitionsbedarf (ohne Universitätskliniken) beläuft sich auf mindestens 5,4 Milliarden Euro. Diese Eckdaten nennt der 13. „Krankenhaus Rating Report“, den das RWI und die Institute for Healthcare Business GmbH in Kooperation mit Deloitte kürzlich vorstellten.

Weil die Schließung eines Krankenhauses immer auch ein Politikum ist, springen häufig die Städte ein.

  • Beispiel Josef-Hospital im niedersächsischen Delmenhorst. Das Haus befand sich bisher zu 90 Prozent in kirchlicher Trägerschaft und erwirtschaftete in diesem Jahr ein Defizit von 12,3 Mio. Euro. Anfang Dezember ging das Haus in die geregelte Insolvenz. Um dem Hospital wieder wirtschaftlich auf die Füße zu helfen, übernimmt die Stadt die alleinige Trägerschaft und stellt 23,5 Mio. Euro bereit. Dennoch müssen 160 Mitarbeiter gehen. Für diesen Ausweg stimmte im Delmenhorster Rat eine satte Dreiviertel-Mehrheit.
  • Beispiel Reha-Klinikum im badischen Bad Säckingen. Weil die Belegungszahlen einbrachen, meldete die Geschäftsführung im August Insolvenz an – eine Hiobsbotschaft für 150 Mitarbeiter. Der fatale Patienten- und damit Einnahmerückgang sei u. a. eine Folge der Schließung der OPs am örtlichen Spital, so die Geschäftsführung. Der Bürgermeister gab sich optimistisch und betonte, die Reha-Einrichtung sei für die Stadt besonders wichtig: Schließlich wolle man den Titel „Bad“ im Stadtnamen erhalten. Das sei nur mit einer Kureinrichtung möglich. Bad Säckingen hat aber davon nur eine.
  • Beispiel Dominikus-Krankenhaus in Düsseldorf. Der Fall ist eher untypisch. Die Klinik mit ihren 450 Beschäftigten beantragte im Mai vorbeugend Insolvenz in Eigenverwaltung – ausgelöst durch einen eher außergewöhnlichen Umstand: Das Haus geriet durch einen Umbau in finanzielle Schieflage. Denn die Zahl der Betten wurde von einst 260 auf 200 verringert, was die Einnahmeseite zu sehr beschränkte. Monatelang suchte die Geschäftsführung nach einem neuen Betreiber – und wurde schließlich in Bayern fündig.

Der Verband der Krankenhausdirektoren Deutschlands (VKD) beziffert die jährliche Unterfinanzierung der Krankenhäuser auf 3,7 Milliarden Euro. Doch Geld allein reicht nicht. Laut Mutaree-Change-Barometer benötigt die Branche umfassende Veränderungsprozesse. Diese müssten deutlich über die Umsetzung herkömmlicher Maßnahmen hinausgehen. „Wir müssen grundlegend umdenken und an mehreren Stellschrauben gleichzeitig drehen, ansonsten scheitert unsere personal- und kostenintensive Branche an ihrer Finanzierbarkeit oder am Fachkräftemangel“, erklärt Dr. Martina Oldhafer, Mitautorin der Studie und Leitung Change-Management am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein.