Mit dem ESUG die Wende einleiten

Vor Vertretern der Westfälischen Wirtschaft vermittelten erstmals Unternehmer des Mittelstands auf der Informationsveranstaltung „Das Unternehmen dem Unternehmer“ ihre Erfahrungen aus der Firmeninsolvenz. Das Fazit der Veranstaltung: Das seit drei Jahren gültige ESUG eröffnet Managern neue Möglichkeiten, eigenständig die Wende herbeizuführen.

Voraussetzung für eine erfolgreiche Sanierung ist jedoch, dass sie die Schieflage rechtzeitig aktiv annehmen, professionelle Sanierungsberater einbinden und offen gegenüber Kunden, Mitarbeitern, Lieferanten und Gläubigern kommunizieren. Axel Mauersberger, Geschäftsführer der ATG Sicherheitstechnik GmbH aus Osnabrück, empfahl den Zuhörern: „Befassen Sie sich intensiv mit den gesetzlich gegebenen Chancen der Sanierung auch in Eigenverwaltung und holen sie bei Bedarf rechtzeitig Fachleute dafür ins Haus.“

Der Wissensbedarf in der Unternehmerschaft ist immer noch groß, um selbst frühzeitig bei Krisen aktiv gegenzusteuern. In 70 Prozent aller Fälle von Firmenschieflagen geben die Finanzgläubiger den Impuls für ein Krisenmanagement, nur in 30 Prozent durch das Unternehmen. Weiteres Indiz für oft zu spätes Agieren: Mehr als 90 Prozent aller Insolvenzanträge gehen erst ein Jahr nach Eintritt der Insolvenzreife ein. Deutlich mehr von den zuletzt 24.000 betroffenen Unternehmen pro Jahr in Deutschland seien zu retten, erklärten die Experten in Münster übereinstimmend.

Neben persönlichen Schicksalsschlägen wären mit einer neuen Sanierungskultur, die der Gesetzgeber mit Einführung des ESUG seit 2012 fördert, auch volkswirtschaftlicher Schaden etwa durch den möglichen Erhalt tausender Arbeitsplätze wirksam abzuwenden.

Bis zu 4.000 Firmen pro Jahr hält der emeritierte Insolvenzrechtsprofessor und Direktor des Deutschen Instituts für angewandte Insolvenzrecht (DIAI) Hans Haarmeyer für rettbar. Und deutlich mehr als 90 Prozent aller Fälle seien zu retten, pflichtete ihm Robert Buchalik, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands ESUG, aus seiner Sanierungspraxis bei.

Das veränderte Leitbild des Insolvenzverwalters beschrieb Heinrich Stellmach. Ebenso wie heute Unternehmen stärker zu schnellem und häufigen Wandel gefordert sind, so sei mittlerweile auch für diese Berufssparte „alles im Fluss“: Neben regelmäßiger Beauftragung durch Insolvenzrichter müsse der Verwalter heute die „aktive Akquisition“ von sanierungswilligen Unternehmen betreiben. Der Wettbewerb verschärfe sich angesichts der weiter steigenden Zahl von Verwaltern bei derzeit relativ konstanter Zahl von Insolvenzen.

Die Sanierung in Eigenverwaltung sei „schnell, effektiv und planvoll“, lobte Stellmach, und hebe innerhalb von neun bis zwölf Monaten viele Ressourcen, um die Zahlen der Firma „von rot auf schwarz“ zu stellen. Zur Begleitung solcher Prozesse müsste der moderne Verwalter jetzt über betriebswirtschaftliche Kompetenz verfügen, über ein hilfreiches Netzwerk von Banken über Kreditversicherer bis zu Gerichten und über Kommunikationskompetenz und Durchsetzungsvermögen in Zusammenarbeit mit Gläubigerausschüssen.

Die Gläubiger hinter sich zu scharen, auch mit kleinen Erfolgsmeldungen neues Vertrauen zu schaffen, Konflikte auszuhalten, aber vor allem Konsens zu erzielen – dies waren die zentrale Erkenntnissen, die Andreas Schwaner als Geschäftsführer der Blanke Textech GmbH, Bad Salzuflen, aus der Krise seines Unternehmens gewonnen hat. Der Gang in die Insolvenz in Kooperation mit externen Profis und in Eigenverwaltung habe ihm sogar Glücksmomente beschert: „Ich war nicht mehr der Getriebene, sondern selbst wieder Treiber – und damit in meinem Element. Wieder fest im Fahrersitz konnte ich endlich Gas geben.“